Stefanie Stadler Elmer: Kinder singen Lieder.

Über die Kultivierung des vokalen Ausdrucks. München, Waxmann, 2002. ISBN 3-8309-1146-7.

Das Buch ist eine ungeheure Fleissarbeit und als Habilitationsschrift sehr theoretisch und wissenschaftlich ausgerichtet. Für die Belange des Eltern-Kind-Singens ist vor allem das Kapitel 4.3 „Anfänge des sprach-musikalischen Ausdrucks" interessant, wo der Stand der Forschung zusammenfassend dargestellt wird, ferner unter 4.4.3 die 6 „Stufen der Sing-Entwicklung" (Seiten 210 bis 215).

Als Praktiker und Stimmbildner stören mich Bemerkungen wie die folgende: „Ein weiteres Erschwernis für adäquates Singen sind die meist unangemessen hohen Tonlagen in Liederbüchern. Es ist schon länger bekannt und auch bestätigt, dass Lieder bevorzugt im unteren Stimmbereich gesungen werden." (Seite 75)

Und der folgende Abschnitt über die Brummer macht in seiner wissenschaftlichen Gestelztheit die Lektüre nicht gerade zum Vergnügen: „Nach Goetze et al. ist das Verhältnis zwischen Tonhöheunterscheidungsfähigkeit und richtigem Singen noch immer ungeklärt. Heute steht fest, dass eine Erfahrungsanreicherung in Form von vermehrtem oder gar gezieltem Singen zu einer Verbesserung der Nachsingfähigkeit führt (z.B. Jersild und Bienstock; Updegraff, Heiliger & Learned; Murry & Zwirner), insbesondere auch bei sogenannten „singunfähigen" Kindern (z.B. Gould; Joyner; Roberts & Davies). Eine der verwendeten Methoden besteht beispielsweise darin, von der Sprechstimme des Kindes auszugehen und es erfahren zu lassen, was es bedeutet, gemeinsam die gleiche Tonhöhe zu singen. Vermutlich tragen auch emotionale Belastungen zu einer Singbeeinträchtigung bei, während gute Instruktionen und ein entspanntes soziales Klima förderlich sind. Neuere Trends kehren davon ab, schlechtes Singen in seinen Ursachen klären zu wollen. Vielmehr konzentriert man sich auf die Möglichkeiten und Bedingungen einer Verbesserung. Dabei berücksichtigt man ein komplexes Beziehungssystem von biografischen, sozial-emotionalen, sensomotorischen (die vokal-auditive Koordination betreffend), didaktischen, motivationalen, kontextuellen und kulturellen Faktoren (vgl. Welch& Murao).

Interessant ist der Beitrag über die Diskussion zur Melodie-Struktur, z.B. die Frage, ob die Quinte (Schwingungsverhältnis 2 : 3) als genereller Baustein wirke (Seite 81).
Der bereits erwähnte Abschnitt 4.3 enthält die folgenden Kapitel: Biologische Grundlagen und die Universalienfrage. Die laut- und klangbildenden sensomotorischen Aktivitäten. Die positive emotionale Bewertung. Soziale Interaktion als Quelle gegenseitiger Anregung. Vokalspiel – allein, mit andern. Über die Anfänge von Regel-Verein-barungen. Anbahnung der spach-musikalischen Symbolbildung. Die Zusammenfassung des Kapitels sei hier wörtlich wiedergegeben:

„Im frühen kindlichen Erleben und Erkennen finden sich bereits strukturelle Voraussetzungen und Vorgänge, die sich als Anbahnung von Fähigkeiten deuten lassen, aus denen durch weitere Lernprozesse später musikalische Handlungs- und Denkstrukturen entstehen. Wie lässt sich das Phänomen 'Musik' vorstellen, wie es in der frühen Entwicklung eines Individuums seinen Anfang nimmt und zu werden beginnt? Ich habe versucht, diese frühen Anfänge zu rekonstruieren und dabei aufgezeigt, dass die elementaren musikalischen Erkennens- und Erlebensweisen von den vorhandenen biologischen Strukturen ausgehen, welche elementare klang- und lautbildende Aktivitäten ermöglichen. Es sind dies das Hören und dessen Koordination mit der Vokalisation und den Bewegungen. Diese Aktivitäten sind von Anfang an in ein soziales Umfeld eingebettet und gehen mit positiv emotionaler Befindlichkeit einher.

Es hat sich weiter gezeigt, dass die anfänglichen Strukturen im Wesentlichen durch zwei sich ergänzende Vorgänge zur weiteren Differenzierung und daher Weiterentwicklung angeregt werden: a) durch die wiederholt spielerisch-assimilative Anwendung der klang- und lautbildenden Handlungsstrukturen einerseits und b) durch die gegenseitige Nachahmung im sozialen Austausch andererseits. Die intuitive Anpassung der Bezugspersonen an die strukturellen Voraussetzungen des Kindes stimulieren und aktivieren sein Nachahmungsvermögen.

Das anfängliche Erkennen und Erleben von dem, was sich zu 'Musik' entwickeln wird, sind jene spielerischen, emotional positiv besetzten klang- und lautbildenden Handlungen, welche in ihrer Organisation zwischen Kind und Bezugspersonen durch gegenseitige und verschobene Nachahmung entstehen. Die verinnerlichte Nachahmung führt zu Vorstellungen und Bedeutungsstrukturen, welche auf neue Situationen übertragen werden. Durch wiederholtes dialogisches Aufeinander-Abstimmen der Gleichzeitigkeit und des Nacheinanders von Lautbildungen werden Regeln hergestellt und angeleitet, die zu gemeinsam aufgebauten oder ko-konstruierten Bedeutungsträgern werden."

Es folgt das Kapitel „Hypothetische Entwicklungssequenz" mit den erwähnten 6 Stufen sowie die Vorstellung einer durch die Autorin entwickelten neuen, computergestützten Methode zur wissenschaftlichen Erfassung von gesungenen Melodien.

Im mehr als hundert Seiten umfassenden Kapitel „Empirische Explorationen" wird
anhand der erwähnten mikrogenetischen Methode als kasuistische Beispiele die Sing-Entwicklung von 6 Kindern vorgestellt. Eines davon ist 9-jährig, eines 2 Jahre und 7 Monate alt, die andern etwas mehr als 4 Jahre.

Im Rahmen des 7. Hauptkapitels werden als Ergebnis von theoretischen Analysen 15 Thesen zur Entwicklung des Singens formuliert (Seiten 350 bis 352), und auf den Seiten 356 und 357 finden sich 10 allgemeine Einsichten zum Singen und Musizieren.

Zusammenfassung Ernst Waldemar Weber

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