Zur Rolle des Rhythmus beim Spracherwerb

Zusammenfassung einiger Grundgedanken aus Vorträgen von S. Weinert und K. Th. Kalveram durch Ernst W. Weber. Quelle: Katharina Müller/Gisa Aschersleben (Hrsg): Rhythmus, ein interdisziplinäres Handbuch. 2000. Verlag Hans Huber, Bern. ISBN 3-456-83518-3.

Wenn Kinder sprechen lernen, müssen sie sich nicht nur Wörter und Begriffe zu eigen machen, sie müssen auch das Regelsystem der Sprache verinnerlichen, z.B. die komplizierten Verbstellungsregeln und die Prinzipien der Subjekt-Verb-Kongruenz, sie müssen lernen, Artikel richtig zu verwenden, Verben korrekt zu flektieren und Plurale zu bilden.

Auf Grund von umfangreichen Untersuchungen kann vermutet werden, dass diese grammatikalischen Fähigkeiten durch den rhythmischen Charakter der Sprache, durch die Betonungen, die Prosodie vermittelt werden. Das Kleinkind hat für die rhythmisch-prosodischen Elemente der Sprache eine hohe Sensitivität, was in vielen Studien der Säuglingsforschung belegt ist. So sind wenige Monate alte Säuglinge in der Lage, melodische Strukturen zu abstrahieren und unterschiedliche Melodien entsprechend zu klassifizieren. Darüber hinaus vermögen sie verschiedene rhythmische Sequenzen zu unterscheiden. Dass diese Sensitivität auch für die rhythmisch-prosodischen Strukturen der gesprochenen Sprache gilt, zeigt sich besonders eindrucksvoll dadurch, dass Säuglinge bereits unmittelbar nach der Geburt die Sprachmelodie ihrer Muttersprache gegenüber einer fremden Sprache „erkennen" und bevorzugen.

Dazu passt die Tatsache, dass die Erwachsenen zu Säuglingen instinktiv besonders akzentuiert und mit einer deutlich rhythmisch-prosodischen Ausdrucksweise zu sprechen pflegen. Die genannte Vermutung wird gestützt durch Studien an älteren, dysphasich-sprachgestörten Kindern. Diese Kinder (nahezu jedes 14. Kind gehört zu dieser Gruppe) haben auffällige Defizite im rhythmisch-prosodischen Bereich, und sie haben darüber hinaus Schwierigkeiten, sich rhythmisch zu bewegen und zu klatschen, zu tanzen, Lieder zu singen, rhythmische Muster zu unterscheiden und sie auf einer Trommel zu spielen.

Durch zahlreiche Studien ist darüber hinaus belegt, dass dysphasisch-sprachgestörte Kinder über ihre sprachlichen Probleme hinaus zugleich gravierende Defizite im phonologischen Arbeitsgedächtnis haben, die teilweise noch ausgeprägter zu sein scheinen als die sprachlichen Defizite. Diese Kinder sind damit zusätzlich beeinträchtigt: Sie können die lern- und behaltenserleichternden rhythmisch-prosodischen Strukturen nicht nutzen.

Auch das Stottern könnte auf Rhythmusstörungen beruhen, nach einer neuen Theorie im Zusammenhang mit der Doppelfunktion der Vokale. Diese tragen einerseits die Betonung, anderseits sind sie ein „Fertig-Signal" für die Silben, in die das Sprechen gegliedert ist. Im Alter von etwa 4 Jahren erfolgt eine Umstellung der Betonungsmuster, um die Sprechgeschwindigkeit zu erhöhen. Wenn dieses Umlernen – ein grosser Eingriff in die Sprechflusskontrolle – fehlerhaft verläuft, kann die Synchronisation dauernd beeinträchtigt werden.

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